gewalt gegen frauen

Hilfe für obdachlose Frauen und die Geschichte der Frauenhäuser in Deutschland

Frauenhäuser sind Schutzeinrichtungen für Frauen und ihre Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. In Deutschland gibt es heute rund 400 Frauenhäuser. Jedes Jahr suchen dort etwa 13.700 Frauen und 15.300 Kinder Zuflucht. Die Geschichte dieser Einrichtungen beginnt in den 1970er-Jahren. Sie ist eng verbunden mit der neuen Frauenbewegung und dem Kampf gegen Gewalt im privaten Raum. Die Frage, wie obdachlose Frauen Schutz finden, ist bis heute nicht ausreichend gelöst. Zwischen Gewalt, Armut und Wohnungslosigkeit bestehen enge Zusammenhänge — besonders für Frauen.

Wie alles begann: Das erste Frauenhaus in der Bundesrepublik

Am 1. November 1976 öffnete in Berlin-Grunewald das erste autonome Frauenhaus in Westdeutschland seine Türen. Eine Villa im Grünen wurde zum Zufluchtsort für misshandelte Frauen. Getragen wurde das Projekt von der Berliner Frauenhausinitiativgruppe. Diese Frauen kamen aus der neuen Frauenbewegung.

Bereits am 13. August 1976 hatte der gemeinnützige Verein zum Schutz misshandelter Frauen einen Förderantrag gestellt. In dem Antrag hieß es: „Die allgemeine Diskriminierung der Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen findet ihren brutalsten Ausdruck in der erniedrigenden und lebensbedrohlichen Misshandlung durch Männer.“ Das war eine klare politische Aussage. Gewalt gegen Frauen sollte nicht länger Privatsache sein.

Vor 1976 gab es in Deutschland keinen einzigen Zufluchtsort speziell für gewaltbetroffene Frauen. Wer geschlagen wurde, hatte kaum Optionen. Frauen wurde gesagt, sie seien selbst schuld. Oder sie hätten eben Pech mit ihrem Partner gehabt. Die Gesellschaft schaute weg. Polizei und Behörden behandelten häusliche Gewalt als Familienangelegenheit.

Das Berliner Frauenhaus war ein Modellprojekt, finanziert vom Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit. Es wurde wissenschaftlich begleitet. Der Abschlussbericht erschien 1981. Darin wurde erstmals mit Daten belegt, wie weit verbreitet häusliche Gewalt in Deutschland tatsächlich war — und dass Frauen aller sozialen Schichten betroffen waren.

Gewalt gegen Frauen wird politisch: Die Frauenbewegung der 1970er

In den frühen 1970er-Jahren war häusliche Gewalt kein öffentliches Thema. Es wurde nicht darüber gesprochen. Nicht in den Medien, nicht in der Politik, nicht am Küchentisch. Frauen, die geschlagen wurden, schämten sich. Sie schwiegen.

Das änderte sich durch die neue Frauenbewegung. In Selbsthilfegruppen und Gesprächskreisen sprachen Frauen zum ersten Mal offen über ihre Erfahrungen. Sie merkten: Das ist kein Einzelschicksal. Das ist ein strukturelles Problem. Der Satz „Das Private ist politisch“ wurde zum Leitmotiv.

1976 fand in Brüssel das Internationale Tribunal über Verbrechen gegen Frauen statt. Rund 1.500 Frauen aus vielen Ländern nahmen teil. Sie berichteten über verschiedene Formen von Gewalt: Vergewaltigung, Misshandlung, Zwangsehe. Das Tribunal hatte große Wirkung. Es stärkte die internationale Vernetzung und gab der Bewegung Schwung.

In Deutschland entstanden ab Mitte der 1970er-Jahre Gruppen, die sich gezielt mit Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung beschäftigten. Sie forderten politische Maßnahmen: Schutzräume, gesetzliche Änderungen, öffentliche Aufklärung. Aus diesen Gruppen gingen viele der späteren Frauenhäuser hervor.

Die Frauenbewegung hat das Thema häusliche Gewalt aus dem Verborgenen geholt. Ohne dieses Engagement gäbe es heute kein Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen.

Von einem Haus zu vierhundert: Die Ausbreitung der Frauenhäuser

Nach dem Berliner Modellprojekt ging es schnell. In den späten 1970er- und den 1980er-Jahren entstanden in ganz Deutschland Frauenhäuser. Zunächst vor allem in Großstädten, dann auch in kleineren Orten.

Es gab zwei Modelle: Autonome Frauenhäuser und Frauenhäuser in Trägerschaft von Wohlfahrtsverbänden wie Caritas, Diakonie oder dem Paritätischen. Die autonomen Häuser arbeiteten ohne hierarchische Strukturen. Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen. Die Häuser der Wohlfahrtsverbände hatten eine klassischere Organisation.

Beide Modelle haben sich bis heute gehalten. In Deutschland gibt es rund 400 Frauenhäuser. Sie sind über das ganze Land verteilt, aber nicht gleichmäßig. In manchen Regionen gibt es zu wenige Plätze. Die Adressen der Frauenhäuser werden geheim gehalten — zum Schutz der Bewohnerinnen.

Die Finanzierung ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. Es gibt keine einheitliche Regelung. In manchen Ländern zahlen die Kommunen, in anderen das Land. Teilweise müssen Frauen ihren Aufenthalt selbst bezahlen. Laut der Frauenhauskoordinierung (FHK) trifft das fast jede vierte betroffene Frau.

Die FHK erhebt seit 1999 jährlich Daten zur Situation in den Frauenhäusern. Die Bewohnerinnenstatistik ist die einzige bundesweite Erhebung dieser Art. Sie liefert Zahlen zu Alter, Herkunft, Bildung und Einkommen der Bewohnerinnen. Im Jahr 2024 basierte die Statistik auf Daten von 189 Frauenhäusern.

Was Frauenhäuser leisten — und wo die Grenzen liegen

Frauenhäuser bieten mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Die Angebote umfassen:

  • Sichere Unterkunft rund um die Uhr
  • Psychosoziale Beratung und Begleitung
  • Hilfe bei Behördengängen und rechtlichen Fragen
  • Unterstützung bei der Organisation des Alltags
  • Beratung für Kinder, die Gewalt miterlebt haben
  • Nachbetreuung nach dem Auszug

Der erste Kontakt läuft meist über das Telefon. Frauen melden sich selbst oder werden von Polizei, Beratungsstellen oder dem sozialen Umfeld vermittelt.

Aber es gibt Einschränkungen. Frauen mit akuten psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen können oft nicht aufgenommen werden. Auch Frauen mit älteren Söhnen stoßen auf Probleme, da Jungen ab einem bestimmten Alter in vielen Häusern nicht leben dürfen.

Zwei Drittel der gewaltbetroffenen Frauen finden kein Frauenhaus in ihrer Nähe. Sie müssen in eine andere Stadt oder einen anderen Landkreis ausweichen. Das bedeutet: Arbeitsplatz aufgeben, Kinder aus der Schule nehmen, soziale Kontakte verlieren. Für viele Frauen ist das eine enorme Hürde.

Obdachlose Frauen: Unsichtbar und besonders gefährdet

Der Zusammenhang zwischen Gewalt und Wohnungslosigkeit bei Frauen wird oft übersehen. Neben Armut ist häusliche oder partnerschaftliche Gewalt einer der häufigsten Auslöser für Wohnungslosigkeit bei Frauen.

Das Besondere: Obdachlose Frauen leben selten sichtbar auf der Straße. Sie versuchen, ihre Situation zu verbergen. Sie kommen bei Bekannten unter, bei Verwandten, bei wechselnden Partnern. Manche gehen Zweckbeziehungen ein, nur um nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Andere bleiben in gewalttätigen Beziehungen, weil sie keine Alternative sehen. Diese Form der Obdachlosigkeit wird als verdeckte Wohnungslosigkeit bezeichnet.

Obdachlose Frauen leiden häufig unter gesundheitlichen Problemen: psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen, körperliche Beschwerden. Das bestehende Hilfesystem erreicht sie oft nicht.

Frauenspezifische Angebote in der Wohnungslosenhilfe gibt es nur an wenigen Standorten. Die Kapazitäten reichen bei weitem nicht aus. Gemischtgeschlechtliche Unterkünfte stellen für gewaltbetroffene Frauen eine unzumutbare Situation dar. Dort sind sie erneut Übergriffen ausgesetzt.

Die Frauenhauskoordinierung und die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) arbeiten zusammen, um die Kooperation zwischen dem Gewaltschutzsystem und der Wohnungslosenhilfe zu verbessern. Am Welttag der Obdachlosen 2025 forderten beide Organisationen gemeinsam: Obdachlose Frauen dürfen bei der Umsetzung des Gewalthilfegesetzes nicht vergessen werden.

Die Istanbul-Konvention und der Rechtsanspruch auf Schutz

2018 trat in Deutschland die Istanbul-Konvention in Kraft. Das ist das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Die Konvention verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, ausreichend Schutzplätze bereitzustellen.

Die Faustregel lautet: Ein Familienplatz pro 10.000 Einwohner. Für Deutschland wären das über 8.000 Plätze. Tatsächlich gibt es aber nur rund 6.800 Plätze in Frauenhäusern und Schutzwohnungen. Es fehlen also Tausende Plätze.

Seit Jahren wird über einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Schutz bei Gewalt diskutiert. Die Bundesregierung arbeitet an einem Gewalthilfegesetz. Es soll den Zugang zu Schutz und Beratung verbessern und eine verlässliche Finanzierung sicherstellen. Bislang ist die Finanzierung der Frauenhäuser ein Flickenteppich — je nach Bundesland und Kommune völlig unterschiedlich geregelt.

Ein Rechtsanspruch würde bedeuten: Jede gewaltbetroffene Frau hat einen gesetzlich garantierten Anspruch auf einen Platz in einem Frauenhaus. Das wäre ein großer Schritt. Aber ohne ausreichend Plätze und Personal bleibt ein solcher Anspruch auf dem Papier.

Wer kommt ins Frauenhaus? Ein Blick auf die Zahlen

Die Bewohnerinnenstatistik der FHK liefert jedes Jahr ein Bild der Situation in deutschen Frauenhäusern. Einige wichtige Daten aus den letzten Jahren:

KategorieZahl (ca.)
Frauen pro Jahr in Frauenhäusern13.700
Kinder pro Jahr in Frauenhäusern15.300
Frauenhäuser in Deutschlandca. 400
Frauen, die keinen Platz in der Nähe findenca. 66 %
Frauen, die den Aufenthalt selbst zahlen müssenca. 25 %

Die Frauen kommen aus allen sozialen Schichten. Es gibt keine typische Betroffene. Allerdings sind Frauen mit Migrationserfahrung überproportional vertreten. Das liegt nicht daran, dass Gewalt in bestimmten Kulturen häufiger vorkommt. Sondern daran, dass diese Frauen oft weniger soziale Netzwerke und weniger Zugang zu anderen Hilfsangeboten haben.

Auch Frauen mit Behinderungen sind besonders gefährdet. Sie erleben statistisch gesehen häufiger Gewalt als Frauen ohne Behinderung. Gleichzeitig sind viele Frauenhäuser nicht barrierefrei. Der Zugang ist für Rollstuhlfahrerinnen, gehörlose oder blinde Frauen eingeschränkt. Die FHK arbeitet an Konzepten für inklusive Gewaltschutzeinrichtungen.

Die Rolle der Kinder in Frauenhäusern

Fast jede Frau, die in ein Frauenhaus kommt, bringt Kinder mit. Rund 15.300 Kinder leben jährlich in deutschen Frauenhäusern. Diese Kinder haben die Gewalt gegen ihre Mutter direkt miterlebt. Viele wurden selbst geschlagen, beschimpft oder vernachlässigt.

Die Arbeit mit Kindern ist deshalb ein wichtiger Teil der Frauenhausarbeit. Ziele sind:

  • Stabilisierung der Kinder
  • Verarbeitung der Gewalterfahrungen
  • Entwicklung von Strategien im Umgang mit Angst und Stress
  • Unterstützung beim Schulbesuch und bei sozialen Kontakten

Aber die Kapazitäten für Kinderarbeit in Frauenhäusern sind begrenzt. Nicht jedes Haus hat eigene Kinderbetreuerinnen. Die personelle Ausstattung ist oft dünn. Das gilt besonders für kleine Häuser auf dem Land.

Digitale Gewalt: Ein wachsendes Problem

In den letzten Jahren ist ein neues Thema dazugekommen: Digitale Gewalt. Stalking über das Smartphone, Überwachung durch Spionage-Apps, Drohungen über soziale Medien, Verbreitung intimer Bilder ohne Zustimmung. Für Frauen, die sich aus einer gewalttätigen Beziehung lösen wollen, ist digitale Gewalt ein ernstes Hindernis.

Gewalttätige Partner nutzen Technologie, um Kontrolle auszuüben — auch nachdem die Frau die Wohnung verlassen hat. Ortungsdienste, gehackte E-Mail-Konten und Überwachungssoftware machen es möglich, die Betroffene weiterhin zu verfolgen.

Frauenhäuser müssen sich darauf einstellen. Viele Einrichtungen bieten inzwischen Beratung zu digitaler Sicherheit an. Smartphones werden auf Spionage-Apps überprüft. Betroffene lernen, wie sie ihre digitale Identität schützen können.

Was sich ändern muss

Die Frauenhausbewegung hat in knapp 50 Jahren viel erreicht. Häusliche Gewalt ist kein Tabuthema mehr. Es gibt ein Hilfesystem. Aber dieses System hat deutliche Lücken.

Die wichtigsten Forderungen von Fachverbänden und Betroffenenorganisationen:

  1. Mehr Plätze: Deutschland erfüllt die Vorgaben der Istanbul-Konvention nicht.
  2. Einheitliche Finanzierung: Die Finanzierung muss bundesweit geregelt werden. Frauen dürfen nicht für ihren eigenen Schutz bezahlen müssen.
  3. Rechtsanspruch auf Schutz: Jede gewaltbetroffene Frau braucht einen garantierten Zugang zu Hilfe.
  4. Barrierefreiheit: Frauenhäuser müssen für Frauen mit Behinderungen zugänglich sein.
  5. Hilfe für obdachlose Frauen: Das Gewaltschutzsystem und die Wohnungslosenhilfe müssen besser zusammenarbeiten.
  6. Ausreichend Personal: Ohne genügend Fachkräfte kann kein Frauenhaus gut arbeiten.

Die Geschichte der Frauenhäuser in Deutschland zeigt: Veränderung ist möglich. Aber sie braucht politischen Willen und ausreichende Finanzierung. Das erste Frauenhaus 1976 war der Anfang. Bis zu einem flächendeckenden, gut ausgestatteten Schutzsystem ist es noch ein weiter Weg.

Quellen: